Grafik: Kasia Prusik-Lutz
INSELKUNST 2026
– Kunst im öffentlichen Raum zwischen Erinnerung, Klang und urbaner Wahrnehmung
10.07.–20.09.2026
Mit der neunten Ausgabe von INSELKUNST setzt das Krakauer Haus in Nürnberg seine konsequente Auseinandersetzung mit Kunst im öffentlichen Raum fort. Vom 10. Juli bis 20. September 2026 verwandelt sich die Insel Schütt erneut in ein offenes künstlerisches Feld, in dem Skulptur, Klang und Stadtraum in unmittelbare Wechselwirkung treten.
Die diesjährige Ausgabe präsentiert Arbeiten von Filip Rybkowski (PL) und Michael Akstaller (DE), die auf sehr unterschiedliche, aber komplementäre Weise Fragen nach Erinnerung, Wahrnehmung und der politischen sowie poetischen Lesbarkeit des Stadtraums stellen.
Im Zentrum der Ausstellung steht bei Filip Rybkowski die Arbeit The Portable Peace Memorial – eine bewusste konzeptuelle Gegenüberstellung zu Edward Kienholz’ „The Portable War Memorial“ (1968). Während Kienholz das Erinnern an Krieg und Gewalt in ein mobiles, fragmentiertes Denkmal überführt, verschiebt Rybkowski diesen Ansatz radikal: Sein „Friedensdenkmal“ richtet den Blick nicht auf die Erinnerung an Krieg, sondern auf die Möglichkeit, Frieden als aktiven, fragilen und zugleich historischen wie zukünftigen Zustand zu denken.
Die skulpturale Struktur verbindet architektonische Fragmente unterschiedlicher kultureller und historischer Bezüge zu einem offenen, fast archäologischen Körper. In seiner hybriden Form zwischen Konstruktion, Symbol und Transformation wird das Denkmal selbst zur Frage: Was bedeutet es, Frieden zu erinnern, bevor er verloren geht? Und wie kann ein Monument aussehen, das nicht Stabilität, sondern Prozess sichtbar macht?
Im Kontrast dazu arbeitet Michael Akstaller mit einer immateriellen, akustischen Erweiterung des Stadtraums. In Where am I? werden Fahrräder als scheinbar alltägliche, übersehene urbane Objekte zu Trägern von Klang und Sprache. Sie senden in unregelmäßigen Intervallen akustische Signale in den Raum und verschieben damit ihre Funktion vom reinen Objekt hin zu einer fragenden, fast lebendigen Präsenz.
Die Arbeit thematisiert Zustände des Abgestellt seins, der Orientierung und der Beziehung zwischen Objekt und Umgebung, wie Objekt und Besitzendem. Der Stadtraum wird dabei nicht nur betrachtet, sondern aktiv „gehört“, als ein Geflecht aus akustischen Spuren, die Wahrnehmung und Zeitlichkeit destabilisieren.
Beide Positionen verbinden sich in einer gemeinsamen Fragestellung: Wie kann der öffentliche Raum heute als Träger von Erinnerung, Bedeutung und Wahrnehmung gelesen werden – jenseits klassischer monumentaler Formen?
Ergänzend dazu eröffnet die Performance von Paulina Owczarek (PL) und Peter Orins (FR) eine akustische Ebene innerhalb des Projekts. Das seit 2015 bestehende Duo arbeitet im Feld der freien Improvisation zwischen Free Jazz und experimenteller Klangpraxis. Ihre Musik basiert auf intensiver, responsiver Interaktion sowie einem präzisen, situativen Zuhören, aus dem fragile und zugleich hochdynamische Klangstrukturen entstehen. In Bezug auf die Ausstellung erweitert ihr Beitrag die Fragestellungen von Wahrnehmung und Resonanz in den Bereich des akustischen Dialogs.
Darüber hinaus entfaltet sich das Programm durch eine Reihe musikalischer Improvisationen im Stadtraum, in denen unterschiedliche Konstellationen von Musiker*innen auf den Ort reagieren und diesen als temporäres Klangfeld aktivieren. Diese Interventionen verstehen den öffentlichen Raum als offene Struktur, in der sich klangliche Situationen unmittelbar aus räumlichen und sozialen Konstellationen heraus bilden.
Alle ergänzenden Beiträge – die musikalischen und performativen Arbeiten – stehen in einem bewussten Bezug zu den zentralen künstlerischen Positionen von Rybkowski und Akstaller und erweitern deren Fragestellungen um eine zeitbasierte, körperlich-akustische Dimension des Erlebens.
Die Performance von Talaj Szöke (they/them) bildet einen weiteren Programmpunkt und entfaltet sich als ortsspezifische Arbeit im Spannungsfeld von Wasser, Körper und akustischer Wahrnehmung. In einer etwa 25-minütigen Intervention im Flussraum wird der Körper selbst zum Medium eines Übergangsraums, in dem sich Klang, Bewegung und Umgebung gegenseitig durchdringen. Die Arbeit erweitert die Ausstellung um eine körperlich-situative Dimension, in der Wahrnehmung nicht distanziert betrachtet, sondern unmittelbar im Raum verhandelt wird.
Beide Beiträge setzen den Fokus auf Wahrnehmung als Prozess – nicht als festgelegte Perspektive, sondern als sich ständig verschiebende Erfahrung von Raum, Körper und Klang.
Kuratiert wird die Ausstellung von Kasia Prusik-Lutz.
Termine:
10.07.–20.09.2026 Ausstellung im öffentlichen Raum
10.07.2026, 18:00 Uhr Vernissage
20.09.2026 Stadt(ver)Führungen & Finissage
Filip Rybkowski (geb. 1991) ist ein in Krakau lebender bildender Künstler, dessen interdisziplinäre Praxis Malerei, Mosaik, Glas, Fotografie, Objet trouvé, Skulptur und Installation miteinander verbindet. Ausgehend von einer kritischen Auseinandersetzung mit Rekonstruktion, Restaurierung und Reproduktion untersucht seine Arbeit die politischen und kulturellen Dimensionen von Erinnerung, Authentizität und historischer Überlieferung. Rybkowski überschreitet bewusst die Grenzen klassischer Malerei und entwickelt komplexe Bild- und Raumstrukturen, in denen Fragmente, Palimpseste, Zitate und materielle Spuren zu Trägern kollektiver wie individueller Geschichte werden. Im Zentrum seiner künstlerischen Praxis steht die Frage, wie Bilder, Objekte und Narrative erhalten, verändert oder instrumentalisiert werden und welche Machtverhältnisse sich in diesen Prozessen einschreiben. Seine Arbeiten reflektieren Systeme von Ordnung, Normierung und Kontrolle ebenso wie die Formbarkeit sozialer und politischer Körper. Dabei verbindet Rybkowski präzise materialbezogene Recherche mit einer visuellen Sprache, die zwischen Rekonstruktion und Dekonstruktion oszilliert. Seine Kunst eröffnet neue Perspektiven auf die Mechanismen kultureller Erinnerung und macht sichtbar, wie Vergangenheit durch Bilder, Objekte und institutionelle Prozesse immer wieder neu produziert wird.
Foto: Mateusz Wozniak
Michael Akstaller (geb. 1992) Künstler, Klangforscher und Kurator gehört zu den markanten Positionen der Nürnberger Gegenwartskunstszene. Seine Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und räumlicher Wahrnehmung. Ausgehend von einem interdisziplinären Hintergrund in bildender Kunst, Medientheorie und Ingenieurwissenschaften entwickelt er künstlerische Formate, die Klang nicht nur als akustisches Phänomen, sondern als Werkzeug zur Erforschung von Raum, Bewegung und sozialer Erfahrung begreifen. Im Zentrum seiner Praxis stehen experimentelle Untersuchungen darüber, wie Klang Räume formt, Wahrnehmung verändert und neue Beziehungen zwischen Menschen, Architektur und Umgebung erzeugen kann. Dabei arbeitet Akstaller mit installativen, performativen und forschungsbasierten Ansätzen, die häufig technologische Verfahren mit künstlerischer Reflexion verbinden. Seine Projekte beschäftigen sich unter anderem mit gerichteten Klangquellen, akustischer Navigation sowie den materiellen und politischen Dimensionen von Raum. Darüber hinaus entwickelt er kollektive und kuratorische Formate, in denen künstlerische Forschung, gesellschaftliche Fragestellungen und internationale Perspektiven zusammengeführt werden. Akstallers Arbeit steht für eine zeitgenössische Praxis, die Kunst als experimentelles Feld versteht – als Raum, in dem Wahrnehmung erweitert, bestehende Strukturen hinterfragt und neue Formen des Hörens, Denkens und Zusammenarbeitens erprobt werden.
Foto: Mitya Lyalin
Paulina Owczarek (geb. 1985) zählt zu den prägenden Stimmen der polnischen Szene für freie Improvisation als Alt- und Baritonsaxophonistin, Komponistin, Kuratorin und Initiatorin unabhängiger musikalischer Kontexte. Die in Krakau lebende Künstlerin entwickelt seit Jahren konsequent eine eigene Klangsprache zwischen Sonoristik, Free Improvisation, experimenteller Musik und kollektiven Arbeitsformen. In zahlreichen Projekten von Duos bis zu improvisierenden Orchestern, verbindet sie radikales Zuhören, Offenheit und die bewusste Überschreitung stilistischer Grenzen. Inspiriert sowohl von der britischen Improvisationsszene um John Butcher als auch von No Wave, zeitgenössischer Musik und experimentellen Traditionen, hat Owczarek eine unverwechselbare künstlerische Handschrift entwickelt, die sich durch intensive Arbeit mit Klang, Textur und instrumentaler Energie auszeichnet. Neben ihrer Konzert- und Aufnahmetätigkeit prägt sie seit Jahren auch den Aufbau unabhängiger Strukturen für improvisierte Musik in Polen. Für Paulina Owczarek ist Improvisation dabei weit mehr als eine musikalische Praxis, sie ist künstlerische Haltung, soziale Form und ein Raum für Freiheit, Zusammenarbeit und die stetige Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten.
Foto: Marcin Biodrowski
Peter Orins (geb.1977) ist ein französischer Schlagzeuger, Komponist und Improvisationsmusiker aus Lille. Er bewegt sich zwischen freier Improvisation, experimentellem Jazz und elektronischen Klangformen und arbeitet sowohl in kleinen Ensembles als auch in größeren Kollektiven.
Im Zentrum seiner Praxis steht das freie, kollektive Musizieren, bei dem Klang, Struktur und Interaktion ständig neu verhandelt werden. Orins verbindet akustisches Schlagzeugspiel mit elektronischen Elementen und entwickelt daraus offene, oft sehr feingliedrige Klangräume.
Er ist international in zahlreichen Projekten aktiv und arbeitet regelmäßig mit Musiker*innen aus Europa, den USA und Japan, unter anderem in Zusammenarbeit mit der Paulina Owczarek. Neben seiner Tätigkeit als Musiker komponiert er auch für eigene Ensembles sowie für interdisziplinäre Projekte aus Tanz, Theater und Film.
Talaj Szöke (they/them) ist eine in Nürnberg lebende Performerin sowie Video- und Soundkünstlerin, deren Praxis sich aus einer verkörperten Beziehung zu Räumen entfaltet. Dey untersucht Zustände von Transformation und Übergang durch Meta-Narrationen, die kapitalistische Vorstellungen von Zeitlichkeit hinterfragen.
Durch Schreiben, Stimme, Instrumente, Bewegung und Hören entstehen spekulative Existenzen und Figuren, die Formen des Seins immer wieder neu definieren und zwischen Auflösung und dem Verlernen von (Re-)Produktionslogiken verhandeln.
Diese Figuren bewegen sich durch Scores und Systeme, in denen Instabilität, Ungeschick, Scheitern und Widerspruch nicht als Defizite, sondern als produktive Bedingungen erscheinen.
Foto: Talaj Szöke