ARTIST TALK & OFFENES ATELIER
Donnerstag, 24. Juli 2025
18:00 Uhr
Krakauer Haus, Hintere Insel Schütt 34, 90403 Nürnberg
Video: Johannes Felder/ TUCANfilm 2025

Für die Sommermonate verwandelt sich die Galerie des Krakauer Hauses erneut in ein Atelier: Bereits zum zweiten Mal findet das Residenzprogramm für Studierende der letzten Semester und Doktorand*innen der Akademie der Bildenden Künste in Krakau statt.
Zwischen Mythos und Zukunft:
Zuzanna Romańska im Gespräch mit Dr. Alexander Racz
Im Rahmen des Artist-in-Residence-Programms des Krakauer Hauses lädt die Künstlerin Zuzanna Romańska zu einem Artist Talk mit anschließendem offenen Atelier am Donnerstag, 24. Juli um 18 Uhr ein.
Zuzanna Romańska, Malerin und Gewinnerin des diesjährigen Open Calls unter jungen Künstler*innen der Kunstakademie Krakau, lebt und arbeitet seit Mitte Juni im Nürnberger Turmatelier- Art Space Krakauer Haus. Dort entwickelt sie ein komplexes künstlerisches Projekt, das Malerei, Sprache, Symbolik und mythologische Recherche miteinander verbindet.
Im Zentrum ihres Schaffens steht eine eigens erdachte Kosmogonie – eine persönliche, poetische Erzählung über Ursprung und Wandlung. Dabei verschränkt Romańska eigene Erfahrungen mit historischen, kulturellen und spirituellen Motiven. Die Stadt Nürnberg wird in diesem Kontext nicht nur als geografischer Ort, sondern als Projektionsfläche für alchemistische und okkulte Bedeutungen neu betrachtet.
Romańskas Bilderwelt ist bevölkert von hybriden Figuren, die sich zwischen Mensch, Gottheit und Mythos bewegen – fluide Wesen, die zeitliche und geschlechtliche Grenzen sprengen. Im Dialog mit Elementen aus mittelalterlicher Buchmalerei, Volkskunst, osteuropäischen Gesängen und experimenteller Musik entstehen Gemälde von intensiver Farbigkeit und symbolischer Tiefe. Technisch arbeitet sie mit traditioneller Eitempera, einer anspruchsvollen historischen Maltechnik.
Während der Residenz entstand neben einer Serie neuer Arbeiten auch eine literarisch-poetische Textpartitur, die als Grundlage für zukünftige performative oder klangliche Interpretationen dienen kann. In Romańskas Kunst verschmelzen Sprache, Bild und Klang zu einem spekulativen Raum, in dem Vergangenheit und Zukunft gleichwertig nebeneinander existieren.
Der Artist Talk bietet die Gelegenheit, Zuzanna Romańska und ihre Arbeit kennenzulernen, Einblicke in ihre Recherche und ihr Atelier zu erhalten sowie über die Rolle von Mythos und Fiktion in der zeitgenössischen Kunst zu diskutieren.
Mehr über die Künstlerin: Contemporary Lynx
Foto: K.Prusik-Lutz
The Hungry God Rite
Zuzanna Romańska entwickelt im Rahmen ihrer Residenz eine poetisch-mythische Erzählung über das okkulte Nürnberg. In Gemälden, Objekten und Texten begegnen sich fiktive Kosmogonien und historische Legenden. Im Zentrum steht der Bożyc – ein fluider Trickster, der Zeit und Ordnung infrage stellt. Das Projekt verbindet mittelalterliche Bildwelten mit experimentellem Kino, Musik und performativen Elementen zu einem vielschichtigen Kosmos zwischen Mythos, Erinnerung und Identität.
Das Projekt von Zuzanna Romańska entfaltet sich im Spannungsfeld von visueller, performativer und textbasierter Kunst als Erzählung, deren Protagonist das mythologische Gesicht Nürnbergs ist. Ausgangspunkt ist der utopische Versuch, eine eigene Kosmogonie zu erschaffen. Diese Idee entwickelt sich in Gemälden, Objekten und im poetisch-kosmologischen Roman „Z pyętra pyątego“ („Vom fünften Stock“). Persönliche Erfahrungen und Imaginationen verweben sich mit kulturellen Archetypen und Bildwanderungen.
Zuzanna Romańska erschafft eigene Figuren, deren fluide Natur gängige Kategorien wie Gattung, Geschlecht, Raum und Zeit überschreitet. Besonders faszinierend erscheint ihr Nürnbergs historische Rolle als Zentrum der Alchemie und des Okkultismus, gleichzeitig als Stadt der Uhren und Uhrmacher. In „The Hungry God Rite“ begegnen sich das überlieferte Legendarische und das Fiktive. Im Geiste der Hauntologie und in Anlehnung an Aby Warburgs „Mnemosyne-Atlas“ erschafft ein uhrmachender Demiurg eine von Geistern durchdrungene Zeitordnung – bis er vom Bożyc verschlungen wird: einer Trickster-Figur, einem verwandelnden Halbgott, der eine temporale Revolution einleitet.
Bożyc wird selbst zum Sänger und Chronisten – ähnlich den Meistersinger*innen – und sammelt flüchtige Geschichten. Die im Rahmen der Residenz entstehenden Arbeiten erzählen von der Begegnung durchkreuzender Mythen, Geschichten und Sprachen. Der begleitende Text fungiert als Partitur für performative und klangliche Interpretation.
Romańskas Arbeit wird beeinflusst von mittelalterlicher Buchmalerei, Volkskunst und expressionistischer Malerei, von experimentellem Kino (Siergiej Paradschanow, Piotr Szulkin, „The Tales of Hoffmann“ von The Archers) sowie von der Musik Alfred Schnittkes, Liedern aus den östlichen Grenzregionen Europas und javanischer Suluk-Dalang-Tradition. Sie untersucht lokale Nürnberger Mythen und betont ihre Bedeutung für individuelle und kollektive Identität. Im Zentrum steht der Mythos als Form der Welterzeugung und -deutung.

Foto: K.Prusik-Lutz