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Literatur im Turm - Adam Zagajewski - der Klassiker
Moderation - Prof. Dr. Peter Horst Neumann

   
 



 
  Gruß an Adam Zagajewski Zu seiner Lesung im Krakauer Turm
am 25.November 2005 (Peter Horst Neumann)

Ein großer polnischer Dichter ist zu uns gekommen; durch seine Anwesenheit wird das Krakauer Haus, diese polnische Enklave in unserer Stadt, für ein paar Stunden zu einem Hauptort der polnischen Poesie. Herzlich willkommen, lieber Adam Zagajewski!

Der russische Dichter Josopf Brodsky – einer der freiesten Geister unter den Poeten Sowjetrußlands – erlernte als sechszehnjähriger mit großem Eifer die polnische Sprache, um über Polens Lyrik Anschluß an die europäische Moderne zu gewinnen. Für ihn, der 1987den Nobelpreis für Literatur erhielt, war Polen eine Heimstatt der Poesie.

In Deutschland sind wir den polnischen Dichtern Czeslaw Milosz, Wislawa Szymborska, Zbigniew Herbert, Tadeusz Rozewicz und anderen sogleich in unserer Sprache begegnet,zumeist in den Nachdichtungen von Karl Dedecius, wie sie im Hanser Verlag und in der Polnischen Bibliothek des Suhrkamp Verlags erscheinen. Zwei der eben genannte Dichter, Milosz und Szymborska, erhielten,wie Brodky, die noblen Preise der Stockholmer Akademie. Wenn deutschen Schriftsteller – Böll, Grass oder Frau Jelinek – diese Auszeichnungen zufielen, waren es immer Prosaisten, Erzähler. Ich weigere mich, diesem Befund eine nationalgenetische Bedeutung zu geben, etwa derart,daß die polnische Sprache dichtungsfreundlicher, vielleicht gar poetischer als unsere sei. An solche Märchen mag kein Dichter glauben.

Das Gedicht ist in jeder Sprache das Medium ihres reinsten und differenziertesten Erscheinen. In Gedichten versichern sich die Sprachen ihrer Bestände, im Gedicht entfalten sie ihre subtilsten Möglichkeiten, in ihm werden die Worte gewogen, aufs genaueste geprüft und in ihrer Mehrwertigkeit zu genau kalkulierte Entfaltung gebracht; im Gedicht werden die alten Worte wieder jung, in ich verjüngt sich die Sprache.

Bevor ein Gedicht aber die Grenze seiner Nationalsprache überschreiten kann, um vielleicht als ein Teil der Weltpoesie zu gelten, muß es seiner angestammten Sprache, der deutschen oder der polnischen, diesen durch nicht zu ersetzenden Dienst erwiesen haben. Es ist nur die halbe Wahrheit, wenn Gottfried Benn einst befand, ein wirklich gutes Gediicht sei unübesetzbar, weil zu tief sei es in seinem nationalen Sprachgeist verwurzelt.Das ist und das darf nur die halbe Wahrheit sein, sonst wäre dieses kostbare Gute der Völker und Regionen, ihre Poesie, nicht über die Grenzen zu bringen.

Ich wäre gern so sprachbegabt wie der junge Joseph Brodsky. Viel-leicht hätte ich Ihrer Gedichte wegen, lieber Pan Zagajewski, die polnische Sprache gelernt. Die Verlockung wäre mir freilich von den vor-handenen Übersetzungen ausgegangen. Ich habe mir von Jakub Ekier, der meine eigenen Gedichte in Polnische übersetzt, Ihr Gedicht „Drei
Engel“ auf Polnisch vorlesen lasss, um einmals den Klang Ihrer Dichtersprache zu vernehmen – heute hören wir Ihre Stimme, und Sie werden uns Ihre Gedichte in beiden Sprachen vorlesen.

Unbezweifelbare Kenner haben mir versichert - und ich glaube es ihnen, bestärkt durch meinen Umgang mit (leider nur) Übersetzun-gen, gern - , daß Adam Zagajewskis Gedichte, aber auch seine prosaischen Schriften, Erzählungen und Essays, zum Besten der gegenwärtigen polnischen Dichtung gehören. Durch Übertragungen in andere Sprachen und durch die Ehrungen, die ihm in Daeutschland, in Frankreich und anderswo zuteil wurden, ist ihm internationale Reputaton zugewachsen. Ich will den Begriff der Weltliteratur nicht leichtfertig verwenden, wenn aber die Gedichte polnischer Dichter wie Milosz, Rozewicz oder Herbert unsere geistige Welt reicher gemacht haben – jedenfalls für Menschen,denen die Poesie ein geistiges Grundnah-rungsmittel bedeutet -, dann ist Adam Zagajewski unter den um die Jahrhundertmitte Geborenen ein Leuchtturm der polnischen Literatur.

Er wurde 1945 in Lemberg geboren. Wer sich in osteuropäischer Ge-schichte ein wenig auskennt, der weiß, daß diese Stadt im polnisch-galizische Stadt 1945 durch die Rote Armme okkupiert wurde, daß sie heute zu autonomen Ukraine gehört und daß die in Lemberg beheima-teten Polen 1945 vertrieben und in dem gleichzeitig von Deutschen „gesäuberten“ Schlesien angesiedelt wurden. Das liest sich in einem Text von Zagajewski so:

„1945 packte fast die gesamteFamilie ihre Koffer und Kisten und verließ Lemberg und Umgebung. Zur gleichen Zeit packten auch ungezählte deutsche Familien ihre Sachen. Sie hatten den Befehl erhalten, ihre Häuser und Wohnungen in Schlesien, Danzig, Stettin, Allenstein oder Königsberg zu verlassen. Millionen von Menschen drückten mit Händen und Knien die störrischen Kofferdeckel zu; all das geschah auf Wunsch von drei älteren Herren, die sich in Jalta getroffen hatten./ Im Oktober desselben Jahres kamen wir in der schlechtesten Stadt an, in Gleiwitz. (...) Was war das für eine Stadt. Schlechter. Kleiner. Unscheinbar. Industriestadt. Fremd. Meine Mutter weinte, während sie durch die Straßen ging./ Aber man mußte hier leben.“



Man wird verstehen, daß ich solche Sätze aus einem Erinnerungstext mit dem Titel „Zwei Städte“ mit besonderen Empfindungen, aber auch mit einen Gefühl von Solidarität lese. Der kleinen Zagajewski, von Lemberg nach Oberschlesien vertrieben, war 1945 gerade vier Monate alt, als ich, um acht Jahre ihm voraus, in jenem Jahrhundertwinter aus Schlesien vertrieben wurde; es gehört seither zu Polen wie Lemberg zur Ukraine.

Zur selben Zeit, als es die Zagajewskis nach Gleiwitz verschlug, mußten andere Gleiwitz verlassen, unter ihnen Horst Bienek. Er ist später, nach einer Lehrzeit bei Bertold Brecht und nach fünfjähriger Zwangsarbeit in sowjetischen Bergwerken im Nord-Ural, in Workuta, ein wichtiger deutscher Schriftsteller geworden. Seine Gleiwitzer Kindheit und das Leben in Oberschlesien in den Jahren 1939 bis 1945 hat er Romanen gestaltet, die später auch ins Polnische übersetzt worden sind. Die Bayerische Akademie der Schönen Künste, die das Erbe von Horst Bienek betreut, vergibt aller zwei Jahre einen Litera-turpreis, der seinen Namen trägt. Dieser Preis wird auch in diesem Jahr wieder vergeben, aber nicht, wie üblich, in der Münchener Residenz,sondern – man höre genau hin - in Bieneks Heimatstadt Gleiwitz, die heute Gliwice heißt. Die Einladung dazu ging von polnischen Bienek-Lesern und von der Stadt Gliwice aus, wo man auch bereits eine Straße nach dem deutschschlesischen Dichter benannte. Diese Preisverleihung wird der Anlaß zu einem deutsch-polnischen Litera-tur- und Gedenkfest sein. Dort werde ich Adam Zagajewski wiederbegegnen, vielleicht auch Tadeusz Rozewicz.

Ich denke, daß man das, was polnische und deutsche Schriftsteller als Brückenbauer und Grenzüberwinder zwischen Deutschen und Polen geleistet haben, nicht hochgenug einschätzen kann. Auch Sie , lieber Pan Zagajewski, sind mit jedem Ihrer Gedichte, das uns ein freundlicher Übersetzer – er heiße Dedecius oder Henry Bereska – ins Deut-sche herüberbringt, ein solcher Brückenbauer. Die sogenannte Völker-verständigung kann doch immer nur das sich Verstehen und sich Ver-ständigen einzelner Menschen sein. Und die Dichtung – sie hat es im-mer nur mit dem Einzelnen zu tun. „Wenn die Kunst (...) überhaupt etwas lehrt,“ – ich zitiere hier Worte von Joseph Brodsky – „ dann ist es die Privatheit der menschlichen Existenz. Als die älteste Form der Privatinitiative fördert sie in jedem Menschen (...) das Bewußtsein seiner Einzigartigkeit (...) und verwandelt ihn von einem sozialen Lebe-wesen in ein empfindendes Ich.“ So wird es auch heute abend sein, wenn Adam Zagajewski uns vorliest – jeder von uns ein empfindendes, aufmerksames Ich in der Erwartung seiner Gedichte.

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Eine Veranstaltung des Kulturzentrums im Krakauer Haus